Kosovo


Kosovo
Ko|so|vo ['kɔsɔvo ]; -s, (auch:) das od. der; -[s]:
Staat in Südosteuropa.

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Kọsovo,
 
albanisch Kosọvë [-və], Provinz in Serbien, Jugoslawien, grenzt im Westen an Albanien, seit dem 10. 6. 1999 unter Verwaltung der UN, 10 887 km2, (1999) etwa 1,7 Mio. Einwohner (1948: 733 000, 1971: 1,244 Mio., 1981: 1,584 Mio. Einwohner), Hauptstadt ist Priština. Von der Bevölkerung sind (1994) 90 % Kosovo-Albaner (zu rd. 85 % Muslime) und 10 % Serben. Die Sprachen sind Albanisch und Serbisch. Die Bevölkerungsrelationen haben sich nach 1990, besonders aber 1998/99 durch Flucht und Vertreibung der Albaner (nach Schätzungen knapp 0,9 Mio. Albaner) und Krieg sowie nach dem Einmarsch der NATO-Friedenstruppe durch die Flucht von etwa 240 000 Serben, ferner Sinti und Roma u. a. stark verändert. Mitte 2000 lebten noch etwa 90 000-100 000 Serben in Kosovo, überwiegend in der Stadt Kosovska Mitrovica und den an den übrigen Teil Serbiens angrenzenden Gebieten.
 
Durch den Kosovokonflikt wurde die ohnehin wenig entwickelte Wirtschaft des Kosovo einschließlich der Infrastruktur nahezu vollständig zerstört, die andauernden Auseinandersetzungen zwischen Serben und Albanern verhindern eine Stabilisierung der Lage. Kernräume der Provinz Kosovo sind die Beckenlandschaften Amselfeld (serbokroatisch Kosovo polje) und Metohija, die durch Mittelgebirge getrennt und zum Teil von steilen Hochgebirgen (2 000-2 500 m über dem Meeresspiegel) umgeben sind. Klima- und Bodenbedingungen sind für die Landwirtschaft günstig; sie ist der führende Wirtschaftszweig v. a. mit Weizen- und Maisanbau, Wein- und Obstbau; Schafzucht im Bergland. Außerdem verfügt die Provinz Kosovo über reiche Bodenschätze. Große Bedeutung haben Blei- und Silberproduktion, ferner der Zinkerz- und Braunkohlenbergbau (die Kohlevorkommen werden auf 15,5 Mrd. t geschätzt). Die Industrie ist v. a. auf Priština, Kosovska Mitrovica und Uroševac beschränkt. Hauptproblem ist das rasche Bevölkerungswachstum, mit dem die Wirtschafts- und Sozialentwicklung nicht Schritt hält. Kosovo hat den niedrigsten Lebensstandard Jugoslawiens und die höchste Arbeitslosigkeit.
 
 
Seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. von illyrischen Stämmen besiedelt, zwischen 6. und 9. Jahrhundert slawische Landnahme, im 14. Jahrhundert Kerngebiet des serbischen Großreiches (»Altserbien«), nach der Schlacht auf dem Amselfeld den Türken 1389-1459 tributpflichtig, war das Gebiet des heutigen Kosovo 1459-1912 Teil des Osmanischen Reiches (»Wilajet Kosovo«). Nach 1690 kam es zur Abwanderung der Serben, v. a. in die Wojwodina, und - besonders im 18.Jh. - zum Nachrücken von Albanern (Hirten; aus eigener Sicht Nachkommen der Illyrer), die zunehmend islamisiert wurden. Im Kosovo begann mit der Liga von Prizren 1878 der albanische Freiheitskampf gegen die Türken. Nach dem 1. Balkankrieg (1912-13) trotz der albanischen Bevölkerungsmehrheit unter Serbien und Montenegro aufgeteilt, gehörte Kosovo nach der Gründung (des späteren) Jugoslawiens ab 1918 ganz zu Serbien. Im Zweiten Weltkrieg war das Gebiet unter italienischer Besatzung (1941-43) zwischenzeitlich ab Sommer 1941 Teil von Großalbanien. Nach Errichtung der kommunistischen Herrschaft in Jugoslawien wurde 1945/46 das Autonome Gebiet Kosovo-Metohija innerhalb der Gliedrepublik Serbien eingerichtet, das mit der Verfassung vom 7. 4. 1963 (de facto ab 1966) Autonome Provinz wurde und in der Verfassungsrevision von 1968 die heutige Bezeichnungen erhielt. Die Erweiterung der Autonomierechte im Rahmen der jugoslawischen Verfassung vom 21. 1. 1974 verstärkte im Kosovo letztlich die Spannungen zwischen den Kosovo-Albanern (inzwischen Bildungssystem in eigener Sprache, Universität in Priština) und der serbischen Minderheit. Im März/April 1981 kam es in Priština zu ernsthaften Unruhen. Über das Kosovo wurde eine Art Ausnahmezustand verhängt. Ab 1986 nutzte S. Milošević den v. a. im Kosovo geschürten serbischen Nationalismus zur Festigung seiner Herrschaft in Serbien (Höhepunkt: 600-Jahr-Feier der Schlacht auf dem Amselfeld am Vidovdan, 28. 6. 1989). Die drastische Einschränkung der Autonomie, zwischen März 1989 (am 23. 3. Aufhebung des Autonomiestatus; am 28. 3. Verfassungsrevision) und Juli 1990 (Auflösung von Parlament und Regierung durch Serbien) schrittweise aufgehoben, wurde verankert in der neuen serbischen Verfassung vom 28. 9. 1990. Nach einer ersten Proklamation im Juli 1990 beschlossen die albanischen Abgeordneten des inzwischen offiziell aufgelösten Parlaments am 7. 9. 1990 eine neue - später verbotene - Verfassung für Kosovo, in der sie dieses erneut zur unabhängigen Republik innerhalb Jugoslawiens und den Schriftsteller Ibrahim Rugova (* 1944) zum Präsidenten erklärten. Trotz massiver Behinderung wurde 1991 ein von Serbien für illegal erklärtes Referendum über die Unabhängigkeit und Souveränität erfolgreich durchgeführt (90 % Zustimmung); die Ausrufung einer »Republik Kosovo« blieb allerdings international nur von Albanien anerkannt (am 3. 2. 2000 Auflösung aller ihrer Institutionen bekanntgegeben). Die 1989 gegründete »Demokratische Liga für Kosovo« (Abkürzung LDK) übernahm die Regierung; bei den - für Serbien inoffiziellen - pluralistischen Wahlen vom 24. 5. 1992 konnte sie die absolute Mehrheit erringen (66 %, 78 von 130 Sitzen). Gleichzeitig wurde ihr Vorsitzender Rugova zum Staatspräsidenten gewählt; seine Politik des gewaltfreien Widerstandes führte jedoch nicht zu greifbaren Ergebnissen. Die serbisch dominierten Behörden verhinderten den Zusammentritt des Parlaments am 23. 6. 1992. Gegen die Unterdrückungspolitik Serbiens (u. a. gewaltsame Ansiedlung serbischer Flüchtlinge aus Kroatien und Bosnien, seit 1995 v. a. aus der Krajina) wuchs der zumeist gewaltfreie Widerstand der Kosovo-Albaner (z. B. Boykott der jugoslawischen Wahlen 1992 und 1996).
 
Kern des Kosovokonflikts, bei den Verhandlungen zum Abkommen von Dayton (1995) ausgeklammert, blieb die Statusfrage (serbischer Anspruch auf das Amselfeld als »Wiege Serbiens«, Streben der Kosovo-Albaner nach Eigenstaatlichkeit und/oder Anschluss an Albanien).
 
Nach dem Scheitern von Rugovas Politik kam es ab Frühjahr 1996 zu einer allmählichen Radikalisierung der Kosovaren und zum Übergang zu terroristischen Aktivitäten (Träger: »Befreiungsarmee für Kosovo«, Ushtria Çlirimtare Kosoves, Abkürzung UÇK; gegründet 1996, aufgelöst 1999). Ab März 1998 steigerten sich Zwischenfälle zu kriegsähnlichen Kämpfe zwischen serbischer Sonderpolizei und der UÇK, die bis Mai/Juni ein Drittel des Kosovo unter ihre Kontrolle brachte. Danach setzten serbische Gegenoffensiven ein. Ihnen folgte die anhaltende Flucht beziehungsweise Vertreibung der kosovarischen Zivilbevölkerung (250 000; internationale Krise). Nach NATO-Ultimatum Mitte Oktober 1998 kam es zum Waffenstillstand und zur Stationierung einer unbewaffneten OSZE-Beobachtertruppe (2 000 Mann; Abzug bis 20. 3. 1999). Die Kosovokonferenz in Rambouillet (Februar 1999) und ihre Folgekonferenz in Paris (März 1999; Unterschrift der UÇK unter das Kosovo-Abkommen) blieben jedoch folgenlos. Zwischen 24. 3. und 10. 6. 1999 erfolgten Luftangriffe der NATO auf jugoslawische Militär- und Infrastruktureinrichtungen, um die Vertreibungen zu stoppen und die serbische Militärmacht zu schwächen (ohne UN-Mandat, deshalb in den NATO-Ländern umstritten). Als direkte Folge steigerte die serbische Seite ihre Vertreibungen extrem; sie wurden begleitet von einer nunmehr panischen Massenflucht der Kosovaren (weitere 690 000 bis Mai 1999; Aufnahme v. a. in den Nachbarländern Albanien, Makedonien, Montenegro sowie Bosnien und Herzegowina; Evakuierungen auch in andere Länder). Parallel dazu setzte auch eine Massenflucht der serbischen Bevölkerung. ein (etwa 50%). Nach zahlreichen diplomatischen Bemühungen zur Lösung des nunmehr offenen Kosovokonflikts konnte mit dem »G 8-Plan« (Mai 1999), dem Militärisch-Technischen Abkommen von Kumanovo (MTA; 9. 6.) und der UN-Resolution 1244 (10. 6. 1999) der Krieg beendet werden. Mitte Juni 1999 wurde dem Kosovo unter internationalem Protektorat weitgehende Autonomie innerhalb Serbiens zugesagt. Die vereinbarten Grundsätze (v. a. Abzug der serbischen Verbände, Rückkehr der 1,3 Mio. Flüchtlinge/Vertriebenen, Aufbau einer UN-Verwaltung und Stationierung einer bewaffneten UN-SchutztruppeKFOR, ab 12. 6.; keine Teilung des Kosovo) konnten Sommer und Herbst 1999 umgesetzt werden. So wurde - nach ihrer Entwaffnung ab Juni 1999 - die Umwandlung der UÇK in ein ziviles Schutzkorps (TMK) bis September 1999 abgeschlossen und gleichzeitig eine UN-Übergangsverwaltung eingerichtet (Unmik; Leiter: bis Januar 2001 Bernhard Kouchner, bis Dezember 2001 Hans Haekkerup, ab 2002 Micheal Steiner; einer der Stellvertreter und ziviler Leiter: Tom Koenigs, ab 6. 9. 1999). Unmik (Abkürzung für »UN-Mission Kosovo«) und KFOR vermochten allerdings die nun gezielt einsetzende Vertreibung von Serben und Zigeunern sowie Gewalttaten durch Kosovaren nicht zu verhindern. Größtes Problem bleibt die Bekämpfung der weit verbreiteten Kriminalität. - Die funktionierende ethnische Koexistenz in einem ungeteilten Kosovo konnte noch nicht gesichert werden (Statusfrage weiter ungeklärt). Eine grundsätzliche Lösung des Kosovokonflikts bleibt aber vom langfristigen Abbau der innerethnischen Spannungen abhängig. Der neue jugoslawische Präsident V. Koštunica und die neue Bundesregierung (ab Herbst 2000) sehen es inzwischen als dringende Aufgabe an, Kosovo in Übereinstimmung mit der UN-Resolution 1244 zu stabilisieren und seinen Status international neu festzulegen; eine Unabhängigkeit schloss Koštunica aber wiederholt aus. Die ersten freien Kommunalwahlen am 28. 10. 2000 konnte die Demokratische Liga des Kosovo unter I. Rugova mit absoluter Mehrheit (58 % der Stimmen) gewinnen. Rugova wertete die Wahl als wichtigen Schritt für eine Unabhängikeit des Kosovo. Die Demokratische Partei (PDK) um den ehemaligen UÇK-Führer Hashim Thaci errang 27 % der Stimmen, eine weitere aus der UÇK hervorgegangene Partei, die »Allianz für die Zukunft des Kosovo« (AAK), kam auf etwa 8 %.
 
Im Grenzgebiet zwischen dem Kosovo, Süd-Serbien und Makedonien wuchs ab Frühjahr 2000 durch bewaffnete Aktionen extremistischer albanischer Freischärler, die logistische Unterstützung aus dem Kosovo beziehen, ein neuer Konflikt heran, der März bis Mai 2001 zum Einrücken von jugoslawischen Truppen in die Pufferzone führte. Orientiert an der UN-Resolution 1244 vom 10. 6. 1999, trat im Mai 2001 ein bei den ethnischen Gruppen nicht unumstrittenes UN-Statut für Kosovo in Kraft, das als Verfassungsrahmen, noch nicht aber als Verfassung gewertet werden kann; es bestimmt die Kompetenzen der provosorischen Selbstverwaltung (Parlament, Regierung; Parlamentswahlen). Kosovo bleibt danach weiterhin zu Jugoslawien gehörig; die »substanzielle« Autonomie soll allerdings in dem vorgegebenen Rahmen verfestigt werden. Bei der Parlamentswahl vom 17. 11. 2001 errang die Demokratische Liga des Kosovo unter Rugova mit 45,6 %der Stimmen (47 Abgeordnete) wiederum einen deutlichen Sieg; die Demokratische Partei kam auf 25,7 % und 26 Sitze, die serbische Koalition »Povratak« (Rückkehr) auf 11,3 % der Stimmen und 22 Mandate, die »Allianz für die Zukunft Kosovos« auf 7,8 % und 8 Abgeordnete, die Parteien der bosnischen Muslime werden 5 Abgeordnete ins Parlament entsenden. Rugovas Ruf nach umgehender Unabhängigkeit zwei Tage nach seinem Sieg bei den Parlamentswahlen wurde von den Außenministern der Europäischen Union zurückgewiesen; maßgeblich für die Zukunft der Provinz bleibe auch weiterhin die UN-Resolution 1244, der politische Status Kosovos habe auch nach der Konstituierung des neuen Parlaments als offen zu gelten. Rugovas Wahl zum Präsidenten scheiterte jedoch (trotz dreier Wahlgänge, 13. 12. 2001, 10. 1. 2002) am Unvermögen der PDK und AAK, mit ihm ein modus vivendi der Machtteilung zu finden. Durch Vermittlung von M. Steiner gelang der Kompromiss (Abkommen über Teilung der Macht vom 1. 3.), infolge dessen Rugova am 3. 3. 2002 zum Präsidenten Kosovos gewählt wurde. Außerdem konnte endlich auch die Regierung zur Selbstverwaltung der Provinz vorerst gebildet werden; Bajram Rexhepi (PDK) wurde zum Ministerpräsidenten ernannt und die Regierung am 12. 6. 2002 vereidigt.
 
 
K. u. Metochien in der serb. Gesch., Beitrr. v. R. Samardžić u. a. (Lausanne 1989);
 C. von Kohl u. W. Libal: K.: Gord. Knoten des Balkan (Wien 1992);
 
K. In the heart of the powder keg, hg. v. R. Elsi (New York 1997);
 N. Malcolm: K. A short history (London 1998);
 Vickers, M.: Between Serb and Albanian. A history of K. (London 1998);
 
Krieg im K., hg. v. Thomas Schmid (1999);
 M. Rüb: K. Ursachen u. Folgen eines Krieges in Europa (1999);
 
M. Olschewski: Von den Karawanken bis zum Kosovo. Die geheime Gesch. der Kriege in J. (Wien 2000);
 V. Meier: Jugoslawiens Erben. Die neuen Staaten und die Politik des Westens (2001).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Jugoslawien: Bürgerkrieg
 

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Kọ|so|vo; -s, (auch:) der od. das; -[s]: jugoslawische Provinz: Russland, der K. und der Westen (Handelsblatt 12. 4. 99, 2); Der Krieg in K. (Tagesspiegel 3. 4. 99, 2); Ein politisches Abkommen über das K. (FAZ 15. 4. 99, 1).

Universal-Lexikon. 2012.